Vusch · Story
Die Sache mit dem Zitat
Roger Nitzsche · Basel, Juni 2026
Ich gebe es zu: Ich gehöre zu den Menschen, die sich Notizbücher kaufen, weil sie so schön sind. Nicht weil ich so viel zu notieren hätte. Das Bider & Tanner ist in dieser Hinsicht gefährlich. Man geht rein für eine Postkarte und kommt raus mit einem Leuchtturm-Moleskine und einem vagen Gefühl von literarischer Produktivität.
Auf meinem Schreibtisch lagen damals vier davon. Im Rucksack ein schwarzes. Auf dem iPhone eine Notizen-App-Datei, die schlicht «Buch» hiess — was ungefähr so präzise ist wie ein Wegweiser mit der Aufschrift «dort drüben». Irgendwo darin schlief ein Satz aus Klara und die Sonne. Etwas über Aufmerksamkeit. Etwas über Liebe. Das Wort «vielleicht» war sicher drin. Ich hatte ihn notiert, das wusste ich. Ich fand ihn nur nicht.
Es war Mitte Januar, dritter Regentag in Folge, ich sass im Cream Cakery am Spalenberg, der Espresso war schon weg, und ich suchte seit einer halben Stunde. Dann öffnete ich den App Store. «Buchtagebuch». Goodreads — von Amazon, danke nein. Drei Abo-Apps, eine wollte meinen Lesefortschritt auf Facebook teilen. Eine hatte seit 2019 kein Update mehr gesehen und wirkte entsprechend.
Ich legte das iPhone weg. Bestellte einen zweiten Espresso.
Es gibt diesen Moment, den man als vernünftiger Mensch eigentlich vermeiden sollte: wenn man aufhört zu suchen und anfängt zu denken, ich baue das selbst. Kein guter Gedanke. Aber an diesem Regentag, mit einem zweiten Espresso vor mir, war es der einzige, der sich richtig anfühlte. Wahrscheinlich so ähnlich, wie Hape Kerkeling eines Morgens gedacht hat: ich laufe jetzt einfach nach Santiago.
Anderthalb Jahre später ist Vusch im Schweizer App Store.
Eine iOS-App für Vielleser. Bücher scannen, Gedanken hineinschreiben. Apple Intelligence verarbeitet alles lokal auf dem iPhone — nicht irgendwo in einer Cloud, die man nie sieht und der man vertrauen muss. Drei Schweizer Buchhandlungen verlinkt. Alle vier Landessprachen plus Englisch — darunter Rumantsch, das vierte Landesidiom, das in den meisten Apps schlicht nicht existiert. Kein Abo. CHF 15 einmalig. Man kauft es. Man hat es. Fertig.
Den Satz aus Klara und die Sonne habe ich übrigens nie wiedergefunden. Aber seit Vusch existiert, passiert mir das nicht mehr. Wenn ich heute einen Satz wichtig finde, tippe ich ihn rein. Er ist dann da, wo das Buch ist. Neben dem Cover. Neben dem Datum. Und wenn ich das nächste Mal im Cream Cakery sitze und einen Regentag und einen Espresso habe, weiss ich, wo meine Sätze sind.
Vusch heisst auf Rumantsch «Stimme». Manche Wörter müssen erst klingen, bevor man versteht, was sie bedeuten.